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Wissenschaftler testen neue Brennstoffe Weizen zum Heizen Mit
minderwertigem Getreide lässt sich billiger Energie erzeugen als mit
Öl
Von Jobst Lüdeking
Bielefeld - Haus Düsse, Versuchsgut der Landwirtschaftskammer
Westfalen-Lippe und Sitz des Zentrums für nachwachsende Rohstoffe in
NRW. Direkt gegenüber vom alten Herrenhaus: die Energieversorgung
des Gutes. Was hier in einem Versuch vor sich hin brennt, für Wärme
sorgt, ist weder Holz noch Stroh: Die Wissenschaftler verbrennen
dort seit September Getreide.
Agrarexperten sehen das ganz
nüchtern: Verbrennt man Getreide, lässt sich damit mitunter mehr
verdienen, als wenn man es als Nahrungsmittel verkauft. Am
Niederrhein, nahe Wesel, ist bereits in aller Stille die erste
Getreideheizung in Betrieb gegangen. Bei Brakel im Kreis Höxter soll
ebenfalls eine Anlage gebaut werden, die über zwei Megawatt Leistung
verfügt und rund 60 Haushalte mit Wärme versorgen soll.
Weizen, Gerste, Roggen und Hafer, die statt im Brot oder im
Futtertrog im Feuer landen: Für Landwirte aus
betriebswirtschaftlicher Sicht ein Weg aus der Preismisere. Karsten
Block, Geschäftsführer des Zentrums für nachwachsende Rohstoffe,
erklärt die Rechnung: "2,3 bis 2,5 Kilogramm Getreide haben den
selben Heizwert wie ein Liter Öl." Der Liter Heizöl koste etwas mehr
als 80 Pfennig. 2,3 Kilo normales Getreide dagegen rund 46 Pfennig.
Für Block und auch seinen Dienstherren, das Land NRW, ist
aber klar, dass hochwertiges Brot-oder Futtergetreide nichts in den
Flammen zu suchen hat. "Ich sehe Chancen für die Getreideverbrennung
, wenn es sich um Schmachtkorn (sehr kleine Körner, die ausgesiebt
werden) handelt, für die Landwirte im Schnitt 17 DM pro 100 Kilo
erhalten." Außerdem böten sich minderwertige Roggen-und
Weizenpartien an, die durch Pilze befallen seinen, nicht einmal fürs
Viehfutter taugten. Die thermische Nutzung dieser Ausschussware, so
Block, könnte vor allem in kleinen dezentralen Anlagen erfolgen. Die
Kosten für geeignete Öfen belaufen sich bei rund 100 Kilowatt
Leistung auf rund 38.000 DM.
Viele Landwirte denken aus
Frust über die Getreidepreis-Misere aber längst weiter als Block. So
wie Franz J. Pentenrieder, der mit einer eigenen Internet-Seite
(www.getreideheizung.de) seinem angestauten Ärger über die
Agrarpolitik Luft macht. Pentenrieder: "Das ist mir nicht leicht
gefallen. Aber bei den geringen Preisen für Getreide wollte ich
dokumentieren, welchen Stellenwert unsere Produkte haben." Er habe
einen "Stein ins Wasser werfen" wollen, um die Reaktionen zu testen,
erzählt der Bauer aus der Nähe des bayerischen Starnbergs, der jetzt
selbst an einer Getreideheizung arbeitet.
Mit einem eigenen
Berechnungsprogramm zeigt er im Internet, bis zu welchem Öl-Preis
das Verheizen von Getreide sinnvoll ist. Die Schwelle liegt bei rund
50 Pfennig je Liter Öl. Ein Preis, der bei der derzeitigen Lage auf
dem Welt-Ölmarkt in den nächsten Jahren kaum unterschritten werden
dürfte, so Experten. Bei der gegenwärtigen Preissituation wäre damit
selbst hochwertiger Backweizen, der mit 24,50 DM pro 100 Kilo
gehandelt wird, ein Fall für den Ofen statt für den Bäcker. Denn der
Preisvorteil bei der Verbrennung liegt bei rund zehn DM.
Die
energetische Ausbeute, so Experten, ließe sich sogar noch steigern.
Dann nämlich, wenn man die Getreidekörner samt Stroh verbrennen
würde. Das könnte auch den Weg zum großtechnischen Einsatz ebnen.
Das Institut für Verfahrenstechnik und Dampfkesselwesen der
Universität Stuttgart hält die Verbrennung von Biomasse, zu der auch
Getreide samt Stroh zählt, in einem Beitrag für "eine
kostengünstige, sinnvolle und technisch machbare Lösung".
Erste Tests sind bereits gelaufen. Beim Essener
Energiegiganten RWE wurde in einem Kohlekraftwerk zu Testzwecken
Stroh verbrannt. Ergebnis: Es hat einen höheren Brennwert als
Braunkohle. Allerdings müsste die Technik auf Biomasse abgestimmt
und umgerüstet werden. Darüber hinaus seien logistische Probleme zu
klären. Kein weiter Weg zur Verbrennung von Getreidepflanzen.
Die betriebswirtschaftliche Berechnung der
Getreideverbrennung tritt aber gegenüber ethischen Vorbehalten in
den Hintergrund. "Brot hat in unserer Gesellschaft fast einen
religiösen Stellenwert", sagt Michael Lohse, Sprecher des Deutschen
Bauernverbandes. Es würde dem Verständnis vieler Verbraucher aber
auch vieler Landwirte entgegenlaufen, Brot- oder Futtergetreide zu
verbrennen, während "in der Dritten Welt Menschen verhungern". Bei
minderwertigen, etwa durch Pilze befallenen Roggen- oder
Weizenpartien sieht Lohse dagegen keine Probleme bei der
Verfeuerung.
Allerdings prangert auch Lohse
gesellschaftliche Defizite bei der Bewertung von Nahrungsmitteln an.
Das sei zum Beispiel der Fall, wenn ein Liter Milch billiger sei als
ein Liter Mineralwasser: "Da stellt sich die Frage, wie wir diese
Nahrungsmittel achten."
Man sehe, dass die Landwirte in
einer wirtschaftlichen Zwangssituation steckten, heißt es
inoffiziell in Kreisen der Evangelischen Kirche Westfalens. Ziel der
Agrarpolitik müsse es aber sein, die Nahrungsversorgung der gesamten
Menschheit zu sichern. Dass die ethischen Fragen vor einer möglichen
Verbrennung geklärt werden müssen, davon ist auch Hans Leser,
Umweltreferent des Rheinischen Landwirtschaftverbandes in Bonn,
überzeugt. Er gibt aber zu bedenken, dass bereits Biodiesel aus Raps
oder Bioethanol aus Zuckerrüben verfeuert werde.
Die
Stilllegung von Feldern durch EU-Verordnungen sei seit langem
gesellschaftlich akzeptiert. Außerdem werde auf Kosten zukünftiger
Generationen und der Entwicklungsländer hemmungslos Mineralöl
verfeuert. Leser: "Die Energiegewinnung aus Stroh oder ganzen
Getreidepflanzen schützt dagegen das Klima und die Ressourcen der
Nachwelt."
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